29./30.03.2025 - Die Gesellschaft

In zwei Punkten hatte ich Glück gehabt: Zum Ersten waren mir, trotz der vorhergesagten dichten Bewölkung am Nachmittag, ein paar schöne Blicke auf die partielle SoFi vergönnt. Damit hatte ich absolut nicht gerechnet. Im thüringischen Mühlhausen schlenderte ich nichtsahnend an der Divi-Blasii-Kirche vorbei, als sich dunkle Wolken derart vor die Sonnenscheibe schoben, dass sie wie ein dämpfender Filter wirkten und das ganze Schauspiel recht einfach sichtbar machten. Während meine Entourage die vielfältigen kunsthistorischen Details an der Schaufassade dieser schönen gotischen Kirche des 13. Jahrhunderts bewunderte, hampelte ich auf der anderen Straßenseite herum, um die Konstellation zwischen Türmchen, Kreuzchen und dem angeknabberten Sonnenscheibchen bestmöglich einzufangen.

Zum Zweiten hatte ich Glück, dass ich mich im wolkenfreien Streifen aufhielt, der der Mitte Deutschlands eine klare Nacht bescheren sollte – zumindest solange, bis irgendwann das nächste Zeug aus Westen ranziehen sollte. Zeitpunkt ungewiss. Aber ich schätzte, bis mindestens Mitternacht sollte was gehen. Am späten Nachmittag schien die helle Frühlingssonne auf das westliche Thüringen herab und sobald es Richtung Beobachtungsplatz ging, konnte ich meine freudige Aufregung mal wieder kaum bändigen.


Ein drittes Mal Glück blieb mir verwehrt: Der Beobachtungsplatz war zwar richtig schön und abgelegen, aber zu dieser Zeit keinesfalls ruhig. Die große Parkfläche war voller Autos und es eierten ca. 20 Männer dort herum, machten Lagerfeuer im angrenzenden Wäldchen oder verzogen sich zum Urinieren und … was anderem in Richtung Abhang. Na super. „Die sind hier alle mit PKW, die müssen also irgendwann abhauen“, prophezeite ich hoffnungsvoll, aber wie sich am nächsten Morgen herausstellte, haben die sich ein paar Meter abwärts diverse Zelte hingestellt: Nur aus Holzbalken und Stöckern, Fellen und einfachen Decken. Nix mit Ultra-Hyper-Thermo-Gedöns, sondern alles irgendwie noch selbst zusammengetüddelt mit Materialien aus dem heimischen Lumpenschrank. Je weiter die Dämmerung voranschritt, desto mehr war auch klar, dass sie alle mit hellen Taschenlampen in sämtlichen Farben ausgerüstet waren und jeden Meter in hellem Lichtscheine zurückzulegen gedachten. Ich wiederhole mich: Na super. Immerhin war das Reisevehikel so geparkt, dass ich mich dahinter verstecken und das meiste nicht mit ansehen musste. Trotzdem, irgendwie ungut.

Erstmal Abendbrot machen und dann Teleskop aufbauen. Dank meiner kompetenten Assistentin ging das wieder ausgesprochen schnell. Zum Dank gabs einen Blick auf Jupiter, der einen seiner Monde dicht am Rand trug. Die Typen waren zwischenzeitlich losgewandert und legten den >1km langen Zufahrtsweg zurück (ein Trupp zappelnder Taschenlampen, der immer kleiner wurde), bis sie an der Landstraße außer Sicht gerieten. Das brachte die erhoffte Ruhe mit sich und ich war froh, in dem Glauben, sie wären jetzt endgültig weg. Gegen 20:30 Uhr stolperte ich mit gefüllter Kaffeetasse ins Freie und hatte mal wieder das Gefühl, zum allerersten Mal unter einem richtig guten Himmel zu stehen: Es war einfach nur dunkel. Wenn man ständig auf der beleuchteten Terrasse aufbauen muss, vergisst man das irgendwie.


Also: Klarer Himmel, dunkel, abgesehen von einem sehr leichten Luftzug windstill, humane Temperaturen, „normales“ Seeing. Mit UGC 4991 gab es einen sanften Einstieg in die prall gefüllte Objektliste. In einem auffälligen, markanten Umfeld löste sich schnell ein nebliger Patch heraus, der unruhig und gemottelt erschien. Bei 190x waren es zwei oder drei nahezu stellare Knäule, die noch von einem nebligen Glow eingehüllt wurden. Mit noch höherer Vergrößerung war ich mir sicher, dass es drei Knäule waren, die da fast auf einer Reihe beieinander standen. Der südliche Knäuel zeigte sich am größten, auffälligsten und deutlich flächig – die anderen beiden waren kleiner bzw. unscheinbarer. Dafür, dass SIMBAD für die drei Mitglieder Helligkeiten von 15,1 oder 15,2mag ausspuckt, waren sie doch überraschend leicht zu sehen und keineswegs grenzwertig oder so.

In einem benachbarten Dörfchen im Westen ertönte leise die Kirchglocke, die die volle Stunde verkündete. Nett! Nicht so nett: Aus der Ferne waren Stimmen zu hören. Der Blick zur Landstraße offenbarte, dass der Männer-Trupp mitsamt ihrer Taschenlampen wieder auf dem Rückweg war, und sie quackerten derart laut, dass man aus dieser großen Entfernung beinahe jedes Wort verstand. Oh no. Es brauchte natürlich ein paar Minuten, bis sie wieder da waren, und die nutzte ich, um NGC 2793 anzupeilen. Ein hochinteressantes Objekt, auch wenn die Suche unnötig lange dauerte, weil ich erst am falschen Ausgangsstern versackte. Bei 190x zeigte sich eine runde, blasse Wolke, deren Helligkeit zum Ostrand hin deutlich zunahm und in einem fast-stellaren, aber gleichzeitig „länglich-knotigen“ Gebiet kulminierte, während die Galaxie nach Westen hin bauschig auslief. Erinnerte mich an einen Kometen. 370x bestätigte das Ganze nochmal. Tolles Objekt, wunderbare Details!

Der Beobachtungsspaß wurde allerdings massiv durch die Ankunft des Männer-Trupps getrübt. Man verzog sich kollektiv zum Abhang, um sich in trauter Gemeinsamkeit den Genüssen des Rudelpinkelns hinzugeben. Ich hörte es von überall Plätschern. Einer von ihnen fand den Rückweg nicht und verirrte sich zu meinem Vehikel. Eine blendend grelle Taschenlampe war plötzlich auf mich und mein Instrumentarium gerichtet. „Servus! Ist das wirklich so ein Ding?“, wollte der Herr wissen. Mit Worten von mehr oder weniger ausgesuchter Höflichkeit bat ich ihn, mich bitte in Ruhe zu lassen, woraufhin er wieder von dannen zog. Sorry, so sozial bin ich nicht. Das Treiben am Lagerfeuer, auf dessen Wuchsform ich guten Blick hatte, nahm zu. Naja, so lange die allesamt dort blieben und nicht zum Parkplatz zurückirrten, würde es ja nicht weiter stören... Aber diese Hoffnung war mir in den kommenden Stunden natürlich nicht vergönnt.

Die Suche nach Arp 63 (glaube ich zumindest; kann mein Gekritzel aus dem Buch nicht richtig entziffern) verlief erfolglos, aber ich war auch mächtig abgelenkt durch die Leute. Mit NGC 3274 klappte es bedeutend besser. Das war ein oval-länglicher Nebel, der hübsch in einem größeren Stern-Dreieck eingebettet war. Bei höherer Vergrößerung zeigte er sich nochmal etwas länglicher und nach Osten etwas zugespitzter; ein auffälliger Kernbereich war nicht vorhanden. Relativ homogene Helligkeiten. Nettes Detail: Die Ost-Spitze des großen Dreiecks bestand aus zwei engen Sternchen.

An UGC 5984 scheiterte ich, weil die Objektauswahl dann doch mal wieder ein bisschen zu ambitioniert war; hielt mich mit der Suche aber nicht ewig auf. Besser hingegen NGC 3504: Helle Galaxie, kräftiger stellarer Kern, ein Vordergrundstern zeigte sich nahe des Ost-Randes. Die kleinere NGC 3512 stand nahebei, ohne mich weiter zu interessieren. Bei 370x zeigte NGC 3504 einen sehr konzentrierten, ovalen Kernbereich, der sich gut vom umgebenden Halo abgrenzte, welcher wiederum sehr homogen gestaltet war. Wie eine Stufe. Der Vordergrundstern stand gerade noch außerhalb des Halos.

Es war 22:15 Uhr, als ich wegen Fröstelns mal ein paar Laufmeter auf dem Weg zurücklegte. Es war auffallend ruhig am Lagerfeuer, welches kontinuierlich herunterbrannte. Die Typen schienen weg zu sein… Wäre ja prima. Es war so dunkel, dass ich die Stolperfallen auf der Straße kaum erkennen konnte. Ein Tier schrie ein paar Mal in der Ferne, verstummte irgendwann. An einer leichten Kurve hielt ich an – der Baum, der da stand, gefiel mir, der hatte so eine erheiternde, nasenartige Ausbeulung am Stamm. Lichtglocken waren natürlich am Horizont zu sehen, aber allesamt sehr niedrig und nirgends war direkte Beleuchtung zu erkennen. Herrliche Ruhe! Schönes Fleckchen. Als ich mich auf den Rückweg begab, sah ich wieder die Taschenlampen umherstreunen – die Gesellschaft war ja doch noch da und anscheinend drückte mal wieder die Blase. Autotüren knallten, es plätscherte aus allen Rohren, Bremslichter leuchteten minutenlang, doch niemand fuhr weg. Grundgütiger.

Immerhin war ich wieder warm und konnte weitermachen, mit UGC 6204/7. Nur durch DSS-Hilfe zu identifizieren, denn ich sah zunächst nur zwei neblige „Sterne“. Würde man nicht wissen, dass da was ist, würde man völlig drüber hinwegsehen. Bei 190x: Winzig. Einer der beiden Tanzpartner  (6207) zeigt sich länglich, der andere nicht. Die Kernbereiche waren ähnlich hell. Bei 370x notierte ich mir, dass sie „völlig gleich in Dimension und Gestalt“ waren, was dann mit der anschließenden Zeichnung nicht ganz zusammenpasst: Die Form des westlichen Bauschs geriet schlussendlich doch etwas bauchiger.

Erste Notiz zu NGC 3712 lautete „oh Gott!“ und ich fragte mich mal wieder, wer eigentlich die Objektplanung gemacht hat, und v.a. für welche Öffnung. Nur durch exakte Positionskenntnis ist der Zielort überhaupt zu identifizieren. Grenzwertig. Wenn der helle Feldstern im Südwesten aus dem Gesichtsfeld gehalten wird, ist der Einblick deutlich angenehmer. Bei 190x scheint es mir, als würde an der entsprechenden Stelle eine sehr schwache, formlose Nebelwurst herausschweben. Allerdings alles andere als einfach; wegen der großen Unsicherheit werte ich das als negativ. Zitat aus dem Buch: „zum abgewöhnen!


Ich quälte mich in den Kälteanzug, da es mich fröstelte und Füße und Hände inzwischen nicht mehr spürbar waren. Die zweite, dicke Hülle machte es deutlich angenehmer. Es war gegen Viertel 12 und eine fette, hell aufglühende Sternschnuppe sauste in der südwestlichen Richtung durch den Himmel. „die Typen nerven so derbe“, notierte ich. Irgendeiner von denen hatte sich ans Ende des Parkplatzes verkrümelt, leider nicht weit weg von mir, und gab eigenartige, angestrengte, keuchende Laute von sich.

NGC 5174 war leicht sichtbar. Ein oval-runder Ball mit einem Vordergrundstern am Süd-Rand. Im Zentrum blitzte bei 190x ein stellarer Kern heraus, der bei 370x allerdings nicht mehr sichtbar war. Auch die Form der Galaxie änderte sich und ging tendenziell mehr ins Länglich-Ovale.

Bei NGC 5125 hatte ich mir auch eine Notiz zu einem Vordergrundsternchen in den Atlas geschrieben. Im Teleskop war davon jedoch keinerlei Hinweis zu sehen. Die Galaxie war einfach nur ein rundes Kullerchen mit einem sehr hellen Kerngebiet und deswegen nicht übermäßig spannend. Mit Blick auf den DSS war ich mir dann aber nicht mehr sicher, ob das wirklich ein Sternchen war, den ich da sehen wollte, sondern eine Begleitgalaxie. Tatsächlich: LAMOST J132401.70+094246.1 mit einer Helligkeit von 17,49mag. Hoppala, nicht ganz meine Preisklasse.


Kurz vor Mitternacht hörte ich, wie einer von den Typen seinen kleinen Freunden eine gute Nacht wünschte und den Weg hinabschlürfte. Erleichterung machte sich breit – vielleicht kehrte dann doch allmählich mal Ruhe ein, wenn die alle nach und nach verschwinden? Die Verbliebenen jedoch waren umso lauter: Es wurde laut geklönt, mit Türen geschlagen (je lauter, desto besser) und einer musste mal seine Hupe testen. Super. Ich hörte jemanden stolpern und in ein Gebüsch rasseln, vielleicht 20 Meter von mir entfernt; er brauchte ein paar Minuten, bis er wieder sicher auf den Beinen stand. In lähmender Faszination stand ich am Teleskop und verfolgte die Geräusche, die vom verzweifelten Kampf zwischen Softshell-Jacke, Jeans und störrischem Geäst zeugten. Ein anderer Typ verströmte einen intensiven Geruch, der mich Naivling an frisch geputzte Zähne erinnerte – höchstwahrscheinlich war es aber was anderes, Kräuterhaltiges, mit dem er seinen Mund gespült hatte. Die Taschenlampenorgie tat ihr Übriges. Es hätte so schön sein können hier! Als sich jemand erneut nach dem Defäkieren am Abhang zu mir verirrte und mich mit seinem Flutlicht-Scheinwerfer zu illuminieren gedachte, blieb ihm das „Servus“ im Halse stecken. „Oh“, sagte er nur und drehte angesichts meiner Aura des Hasses sofort wieder um. War auch besser so. Boah ey.

Die Mitternachtsglöckchen ertönten von dem Dorf. Es war tatsächlich noch klar, obwohl mir manche Stellen des Himmels eigenartig trüb erschienen. Ich schwenkte zu Hickson 71. „1 hellerer, größerer Nebel bei einem St., länglich“, lautete meine erste Notiz. Das war Käse: Ich bin auf die nahegelegene NGC 5408 hereingefallen, die knapp 15 Bogenminuten weiter nördlich steht. Bei 190x eröffnete sich der Blick auf die Hickson-Gruppe, die natürlich bedeutend schüchterner war. Bei einem Sternenpaar schälte sich ein runder, blasser Nebel heraus. Bei dem zweiten Mitglied war ich mir nicht mehr ganz so sicher; ein schwaches, verschmiertes Dingens blinkte aus dem Himmelshintergrund heraus. Weitere Galaxien der Gruppe waren jenseits meiner Möglichkeiten. Naja, gibt dankbarere Hicksons, aber die Nähe zu dem Sternpärchen macht es doch ganz nett.

In den Folgeminuten verschwanden immer mehr Typen von dieser Gesellschaft – na endlich, juhu! Als ich dann über die Suche peilte, um das nächste Objekt anzusteuern, musste ich jedoch feststellen, dass der Himmel ringsum eingetrübt war. Das ging von jetzt auf gleich. Überall eine feine Bewölkung, die sich teils bis in den Zenit zog. Das waren wohl die Vorboten der Wolkenrolle, die sich für Sonntag angekündigt hatte und ungemütliches Wetter mitbringen sollte. Ich harrte noch ein paar Minuten aus und versuchte, mich zumindest nochmal für den ein oder anderen Doppelstern zu erwärmen, aber begeistern konnte mich das nicht. Da der Wecker schon um 05:45 Uhr klingeln sollte und die Schlafdauer durch die Zeitumstellung umso geringer ausfallen würde, beschloss ich, abzubauen. Ringsum: Gähnende Ruhe. Das Lagerfeuer glomm noch in dem Wäldchen vor sich hin. Der leichte Frost glitzerte mich im Schein der Stirnlampe vom Boden aus an. Kurz nach 1 Uhr war ich, noch in voller Kampfmontur wegen eisekalter Hände und Füße, im Bettchen verschwunden.

Nun ja, man hat sich das alles anders vorgestellt, aber rückblickend haben die Typen für etliche kuriose Momente gesorgt, wegen derer mir die kurze Nacht noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

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