28.03.2025 - Seeing und Dunst

Weit vor dem angedachten Weckerklingeln werde ich wach und schlurfe in die Küche, um Kaffee zu kochen. Es ist mir diesmal nicht möglich, auf Feld und Flur zu fahren, und so bleibt nur die Terrasse übrig. Aber besser als gar nichts. Das Aufbauen kann ich mir sparen, weil das Teleskop noch vom Abend draußen rumsteht. Erster Blick nach oben: Durchsicht Richtung Zenit ist gut, aber darunter (<45° Höhe) wird es frappierend schlechter. Es ist zwar klar, aber diesig, was nach dem vielen Nebel und Dunst in den letzten Tagen nicht überraschend kommt, und die hohe Luftfeuchte hat bereits sämtliche Oberflächen mit einem angehenden Feuchtefilm benetzt. Aber immerhin: Das Seeing wirkt auf den ersten Blick ungewohnt gut.


Gegen 1 Uhr bin ich startklar. Es geht zu einer kleinen Galaxiengruppe, die mich eigentlich nur wegen eines Objektes anlockt, aber dann auch in der Gesamtheit begeistert.
NGC 4868 sticht dabei zuallererst als auffälligste und größte Galaxie des Grüppchens heraus. Ein rundlicher, nebliger Patch, der von zwei Vordergrundsternen verziert wird. Nett! Auf Platz 2 folgt NGC 4914 östlich davon: Ebenfalls sehr hell, aber kompakter und konzentrierter. Ein rundes Knäuel wie aus dem Bilderbuch. Zwischen diesen beiden Galaxien, ein Stück südlicher noch, soll mit NGC 4893 ein schwaches Pärchen hocken, welches das eigentliche Objekt meiner Begierde ist. Zunächst fällt an der Position ein Feldsternchen auf, aber westlich davon schält sich bei 123x eine diffuse Fluse (ach, das reimt sich) heraus. Bei 190x erscheint die Fluse länglich; mindestens ein Helligkeitspeak blitzt heraus. Die Nähe zu diesem Stern stört mich ein bisschen. 370x bringt den nötigen Abstand zwischen ihm und dem Pärchen rein. Die Sternabbildung irritiert mich - alles scharf und nahezu punktförmig. Ungewohnt! Und plötzlich zerfällt diese diffuse Fluse in zwei separate Teile, und zwar sehr eindeutig und einfach. Ein hellerer Ball nördlich und ein schwächeres Bällchen südlich davon. Der Glow dazwischen, der bei 190x die längliche Gestalt hervorrief, ist verschwunden, und stattdessen stehen die beiden Klumpen isoliert voneinander da. Südwestlich von ihnen erscheint noch ein weiterer Feldstern, schwächer als der andere. Tolle Sache!

Nicht minder toll, aber nochmal schwerer ist NGC 5718. Die Galaxie steht in einem hübschen Sternumfeld, will sich anfangs allerdings nicht zeigen. Bei 190x ist die exakte Position nur durch "Anstupsen" des Teleskops zu verorten, sodass ich etwas Nebliges erst dann sicher erkenne, wenn ich das Gestänge berühre. Formlos, diffus. Puh. Gamechanger war dann wieder das 4,7er-Okular. Als wäre es selbstverständlich und kaum der Rede wert, bricht dieses formlose Gewölk auseinander in zwei unterschiedliche Teile. Das Knäuel, das näher am östlichen Feldstern dransteht, ist heller als das westlich benachbarte (IC 1042). Besonders gut lassen sie sich beobachten, wenn sie einfach nur durchs Gesichtsfeld flitzen - die Bewegung hilft bei der Erkennung. Naja, "einfach" ist anders, aber in Anbetracht der Umstände überrascht mich die Eindeutigkeit dann doch. Auf die anderen Mitglieder der weitläufigeren Gruppe habe ich nicht geachtet; das wäre aber auch zu schwer geworden.

Während das noch geklappt hat, geht es bei NGC 5504 dann schief. Bei moderater Vergrößerung taucht ein rundes, diffuses und sehr "weiches", zartes Nebelchen auf. Die Grenzen fließen stufenlos in den Hintergrund aus und das Zentralgebiet zeigt sich kaum heller. 190x ist zu hoch für das Ding. Ich bildete mir ein, östlich davon einen zweiten, kugeligen Winzling zu erahnen, was sich aber als Fehlsichtung herausstellt: Die Nachbargalaxie von NGC 5504 ist nordwestlich zu verorten. Wenn ich mir nun den DSS dazu angucke, staune ich selber über diese sehr ambitioniert-sportliche Objektauswahl. Eigentlich... naja. Nee.


Die Okulare laufen immer fast sofort an, was bei der Beobachtung extrem stört und die nutzbare "Durchguckzeit" auf wenige Sekunden limitiert. Die Luftfeuchte ist brutal und mein Papier hat schon diese unheilvolle Wellenstruktur angenommen. Es ist 2 Uhr durch. Nächstes Objekt: NGC 5532. Bei 123x sehe ich ein sehr helles und rundes Nebelchen. Weiter nördlich gibt es noch NGC 5531 zu bewundern, mit deren Sichtung ich mich allerdings schwertue. Umso überraschter bin ich, am südlichen Rand von 5532 einen flauschig-stellaren Peak (PGC 214240) herausblitzen zu sehen, der mir eher auffällt, als die vermeintlich leichtere 5531. Die gibt sich zwar auch irgendwann zu erkennen, spricht mich aber bei weitem nicht so an wie das enge Duo daneben.

Gutes Seeing bin ich hier nicht gewohnt: Es bringt mich völlig aus dem Konzept. Ich verziehe mich kurz mit Kaffee Nr 2 nach drinnen, um die Hände wiederzubeleben und in Ruhe den Atlas durchzuscrollen, auf der Suche nach dem nächsten Ziel. Die Wahl fällt auf NGC 5600 mit dem Hinweis "Klumpen". Kräftig, rund, oval; die Helligkeit zieht sich gleichmäßig über die ganze Fläche und endet an den Außengrenzen recht abrupt, sodass die Form ganz gut umrissen wird. Bei 190x wirkt die Galaxie undefinierbar unruhig. Bröselig. Bei 370x starre ich sie eine gefühlte Ewigkeit an und versuche, die Details zu fassen, die sich - wie ich erwartet hatte - relativ zickig geben. Die Sterne sind scharf, das Bild steht still, und ich wünschte sehnlichst, ich hätte noch andere Hardware zur Hand... Was ist denn mit dem Seeing los?! An der westlichen Kante funkelt mich plötzlich ein sternförmiges Etwas an. Ein Vordergrundsternchen? Ich gleiche mitm DSS ab - das ist einer der beiden Klumpen; nach erstmaliger Identifikation manifestiert sich die Position. Den zweiten, innenliegenden möchte ich auch noch sehen, aber der will nicht so recht. Es bricht in Richtung Galaxienzentrum tatsächlich noch etwas Schwächeres heraus, aber ich kann an diesem Punkt nicht mehr eindeutig zwischen "Wirklichkeit" und "Wunsch" unterscheiden. Prozentual gesehen... 55 zu 45 vielleicht. Vergleichsbeobachtungen in der Öffnungsklasse sind auch eher rar gesät, sodass mir da ein Anhaltspunkt fehlt.

Dass der Fangspiegel schon allmählich anläuft und die Okulare sofort beschlagen, kaum dass sich mein Kopf dem OAZ zuneigt, hilft natürlich überhaupt nicht. Die Temperatur sackte immer weiter in den Minusbereich und der erste Frost glitzerte auf den Sucherflächen. Lange geht das nicht mehr gut. Das Ganze erinnert mich an eine magische Nacht im Fläming vor zig Jahren, irgendwann zur ISON-Zeit, glaube ich. Da standen wir auch in einer bodennahen Waschküche mit dynamischen Nebelwänden, während es obendrüber beängstigend gut aussah und ein fettes Zodiakalband den Himmel zerschnitt.


Den Zentralsterntest an M 57 mag ich. Ganz besonders in dieser Nacht, obwohl der PN noch weit von seinem Höchststand entfernt ist. Das kleine Sternchen blinkt sofort und reproduzierbar aus dem großen, dunklen Loch heraus; in manchen Momenten so klar und scharf, dass es mir schon absurd vorkommt. Mitunter verschwimmt er zwar wieder, aber in ~90% der Zeit bleibt er bei indirektem Sehen sichtbar. Ich bleibe lange am Okular kleben und freue mich einfach nur.


Ich packe dann mein durchweichtes Zeug wieder ein, es ist halb 4. Die Wassertropfen sammeln sich an den Gartenmöbeln; bereit, alsbald herunterzufallen. Als es eine knappe Stunde später allmählich in die frühe Dämmerung übergeht, ist der Dunst gnadenlos aufgestiegen vernebelt den ansonsten glasklaren Morgen, bis die Sonne sich später endlich durchkämpfen kann und einen herrlichen Freitag verspricht.

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